Vertikale Videos: Es ist Zeit, über das Format nachzudenken

von Florian Schwarz

29. März 2017

Periscope, Snapchat und Instagram brachten neuen Schwung in die Diskussion um Videoformate. Lange Zeit waren sie verpönt, doch mittlerweile ganz natürlich: vertikale Videos. Das „Vertical Video Syndrom“ scheint geheilt zu sein und Websites wie http://saynotoverticalvideos.com/ haben ihren Glanz verloren. Stattdessen ist jetzt das „Vertical Film Festival“ angesagt.

Es ist kein Geheimnis, dass nicht nur die Zahl der Smartphone User steigt, sondern auch die Mobile Video Views. 2016 machten die Mobile Views bereits 52% aller Views aus. Spannend dabei ist, dass die Smartphone User 94% der Zeit das Gerät vertikal halten. Wenig verwunderlich also, wenn Garett Sloane von Adweek erklärt, dass vertikale Videos auf Smartphones neunmal mehr Engagement als horizontale Videos bringen. Grund genug, eine ernsthafte Diskussion über vertikale Videos zu führen.

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Erfolgsgeschichten: Vertikal zahlt sich aus

Audi hat sich bei seiner Formula-1-Kampagne für Snapchat entschieden und auf vertikale Videos gesetzt. Und das war auch richtig, denn die Video Ads wurden 80% häufiger zu Ende geschaut. Das heißt, 36% der User sahen sich die Werbung ganz an.

Ebenso wie bei Audi war auch bei Taco Bell die vertikale Strategie die richtige. Der Kurzfilm „Rush Order“ auf Snapchat erreichte 74 Millionen Impressionen und Taco Bell konnte die Follower auf der Plattform verdoppeln!

Eine schöne Erfolgsstory schreibt auch Spotify. Ein vertikaler 10-Sekunden-Werbeclip schaffte 26 Millionen Views und war doppelt so effektiv wie herkömmliche Onlinewerbung.

Tastemade Studio, bekannt für geschmackvolle Kochvideos, ging noch einen Schritt weiter. Sie haben das gesamte (Koch-)Studio so ausgerichtet, dass es perfekt für vertikale Videos passt.

Der Schweizer Sänger Dagobert war einer der ersten, der ein Musikvideo vertikal produzierte. Bei der Veröffentlichung meinte er, es sei das „allererste Musikvideo in der Geschichte der Menschheit, das im Hochformat gedreht wurde“. Weiter: „Ideal, um es euren Liebsten am Valentinstag auf dem Smartphone oder Tablet zu zeigen - und dann bitte unbedingt im HOCHFORMAT! Viele Computerbildschirme kann man auch auf den Kopf stellen, funktioniert tadellos, und vergesst nicht, HD einzuschalten!“

Diese Erfolgsgeschichten, hervorgerufen durch Snapchat, führten dazu, dass auch Facebook, Vimeo und Youtube vertikale Videos unterstützen. Bei Youtube werden die hochformatigen Videos zwar bislang nur in der App unterstützt, es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis die Videoplattform einen vertikalen Player für die Einbindung auf (Mobile First) Websites anbietet.

Und auch etablierte Sender sagen JA zu vertikalen Videos. BBC arbeitet gerade an einer eigenen Snapchat Show. Sechs Episoden Planet Earth werden exklusiv für Snapchat im Hochformat gedreht.

Impact, ein besonderes Schmankerl, zeigt, dass auch bei vertikalen Clips Platz für Qualität ist. Impact ist der Gewinnerfilm des Vertical Film Festival und ein vielfach ausgezeichneter Film. Hochformat!

Kameras oder Postproduktion?

Dieser Trend wirkt sich natürlich auf unsere tägliche Arbeit aus. So müssen wir uns fragen, wie wir vertikale Videos produzieren.

Grundsätzlich gibt es mehrere Möglichkeiten, vertikale Videos aufzunehmen. Die New York Times haben für ein Video in Zusammenarbeit mit Justin Bieber, Diplo und Skrillex die Videos in drei verschiedenen Formaten aufgezeichnet. Dabei waren drei Kameras im Einsatz, eine filmte 16:9, eine zweite 4:3 und eine vertikal, also 9:16.

Es geht aber auch einfacher, indem man das Setting so einrichtet, dass die horizontale 16:9-Aufnahme auch vertikal funktioniert. Das Material wird dann in der Postproduktion zugeschnitten und fertig ist das vertikale Video. Vox ist für den Snapchat Discovery Channel diesen Weg gegangen. Die Interviewpartner wurden mittig platziert und so zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, bzw. zwei Formate mit einer Kamera.

Eine weitere Möglichkeit ist, ganz einfach mit einem Smartphone bei einem Dreh vertikal zu filmen. Das Smartphone wird dabei einfach seitlich am Kamerastativ befestigt. Daneben gibt es auch noch die Variante, eine „normale“ Kamera seitlich auf ein Stativ zu montieren.

Horizontales Material hat immer noch den Vorteil, dass es vielseitig verwendet werden kann.

Und wie geht’s weiter?

Zugegeben: Ich war auch sehr skeptisch, als die ersten vertikalen Videos auftauchten. Doch die Plattformen Periscope, Snapchat und Instagram haben verstanden, dass es auf das Endgerät ankommt. Ja, Video war im Gegensatz zu Foto bis dato immer horizontal, doch die Plattformen und das Nutzerverhalten geben den Ton vor. Smartphones sind nun mal vertikale Devices. Die Tatsache, dass Hochformat besser ankommt als Querformat, veranlasste selbst Größen wie BBC und NYT vertikale Videos zu produzieren.

Film muss neu gedacht werden und die steigende mobile Nutzung darf nicht ignoriert werden. Klar ist aber auch, dass Kino und TV nicht mit Smartphones verglichen werden können. 100 Jahre horizontale Videos sind jetzt vorbei und es ist Zeit, sich zu öffnen. Für die Millenials sind vertikale Videos völlig normal.

Auch meine Erfahrung mit vertikalen Videos ist ganz gut. Als Instagram User, aber auch als Kameramann. Unser letztes Projekt war ein Videobanner für die Skiregion Salzkammergut, den wir ausschließlich vertikal produzierten. Dabei haben wir die Kamera ganz einfach auf einem Stativ vertikal eingerichtet.

Spannend bleibt die Entwicklung der Snapchat Spectacles, die ein völlig neues Format einführen. Nicht vertikal, nicht horizontal, sondern rund. Vielleicht können die Spectacles die gesamte Diskussion lösen. Art Jonak: „Snapchat just solved the portrait vs landscape video argument forever“

Oder in den Worten von Digiday: It’s time to take vertical video seriously!

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